Nach mehrwöchiger Pause besuchte ich meinen Zauberbaum ein weiteres Mal. Ich war gespannt, wie es ihm ginge und ob ich auch dieses Mal Kontakt mit ihm aufnehmen könnte.
Ich setzte mich wie gewohnt an den Fuß seines riesigen Stammes, in dessen Rinde eine ganze Biosphäre von Insekten und moosartigen Pflanzen ein Zuhause fand. Aus dieser Perspektive erschien seine Rindenlandschaft selbst wie eine ganze Waldlandschaft in verkleinertem Maßstab.
Alt und ehrwürdig sah er aus, von der Zeit geformt und voll unzähliger Geschichten. Einige Zeit später begrüßte er mich. Unsere wortlose, intuitive Kommunikation war noch immer lebendig.
Ich weiß nicht, wie lange ich bei meinem Zauberbaum saß.
Jetzt, da ich davon erzähle, denke ich, dass es Stunden gewesen sein müssen. Ich erinnere mich an Gedanken, die er mir übermittelte, aber ich erinnere mich an keine Fragen, die ich an ihn hatte.
Unser Zusammentreffen an diesem Tag war ein ganz besonderes. Es war anders, als die vorigen Male, weil es nicht aus Frage und Antwort bestand. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber es ereignete sich ohne mein Zutun in dem zauberhaften inneren Raum von Einheit. Wir sahen einander, fühlten unsere gemeinsame Essenz.
Einige Gedanken, die er mir übermittelte, will ich hier wiedergeben:
“Jetzt, da du hier bist, fühlst du mich. Du hast heute die Möglichkeit gewählt, deinen Verstand keine Fragen stellen zu lassen. Du bist ihm zuvor gekommen! Diese Möglichkeit hast du in jedem Moment deines Daseins. Du nutzt sie fast nie, weil dein Verstand ein ehrgeiziger Herrscher ist, der dich tagein und tagaus kontrolliert.
Vielleicht hat ihn meine Präsenz zur Ruhe gebracht und er konnte sich nicht zwischen dich und mich stellen.
Ich sehe, dass du meine Stille fühlst. Sie leuchtet aus deinen Augen. Ich freue mich für dich!
Du trägst Fragmente in dir, die jetzt ruhig und schweigsam sind und die sonst deine Lebenssituation bestimmen. Es sind Gedanken und Erinnerungen, die wie ein Film in dir ablaufen und die du für dein Leben hältst. Es sind Gedanken und Erinnerungen, die aus der Angst geboren werden und nur überleben können, weil du dich selbst verloren hast. Du klammerst dich an die äußere Welt, weil du deine innere Welt aus den Augen verloren hast.
Deine innere Welt ist die Stille, in der wir uns jetzt begegnen. Hier weißt du, dass du niemals sterben wirst, weil alles Vergängliche Teil der äußeren und veränderlichen Welt ist.
Hier weißt du, dass deine Sorgen, Ängste und Leiden nur überleben können, weil du dich mit deinem inneren Film identifizierst.
Hier weißt du, dass alle Probleme in der äußeren Welt nur überleben können, weil du deine eigenen Ängste, Sorgen und Leiden nach außen projizierst. Und hier weißt du auch, dass Kampf gegen deine Leiden und gegen die Leiden in der Welt alle Leiden aufrecht erhält, weil du dich mit einem Kampf gegen Leid noch weiter von dir entfernst, denn Leid ist das Thema der Illusion deines inneren Films.
Eure Weisheitsbücher haben Recht, wenn sie mahnen, dass das Diabolische gegenüber dem Göttlichen die Oberhand gewinnen kann.
Das Diabolische ist die dunkle Seite göttlicher Kreativität. Sie ist ebenso erfinderisch und voller Wunder, wie das Göttliche. Aber sie erzeugt Trug- und Scheinwelten, die an die natürliche Vergänglichkeit und an das Leid alles Materiellen gebunden sind.
Das Diabolische ist Teil des Göttlichen und trachtet nach Identifikation.
Hier weißt du, dass das Diabolische Teil des Lebens ist. Aber hier weißt du auch, dass es ohne Identifikation mit ihm keine Macht über dich hat. Wenn du körperlos bist und zurück ins Formlose gehen wirst, verschwindet auch die dunkle Seite des Göttlichen ohne die geringste Spur zu hinterlassen.
Hier weißt du, dass du immer mit dem Formlosen verbunden bist und dein Körper das Bindeglied zur Welt der Formen ist. Jetzt weißt du, dass du zu Gast in einem materiellen Körper bist, aber wahre Kommunikation nur in der formlosen Stille stattfindet.”
Danke für diese wundervollen Wahrheiten und dass du sie hier teilst, alles Liebste