Durch die Besuche bei meinem Zauberbaum war der Wald zu einem zweiten Zuhause für mich geworden. An keinem anderen Ort hatte Zeit so wenig Bedeutung wie hier und an keinem anderen Ort war Frieden so deutlich zu spüren.
Vor meinem dritten Besuch fühlte ich mich ein wenig schuldig, denn ich hatte so viel von meinem Baumfreund bekommen und ich hatte nicht das Gefühl, ihm gegenüber nur annähernd so großzügig und gütig zu sein. Ich beschloss, ihm bei meinem dritten Besuch davon zu erzählen.
Am Tag zuvor hatte es geregnet. Der Boden war feucht und es roch modrig nach Erde, aber die Luft war unverbraucht und frisch. Der Wald hatte mit dem Regen aufgeatmet und frischen Sauerstoff freigegeben. Ich atmete den Wald und der Wald atmete mich. Wir waren Freunde, die sich gegenseitig brauchten und beschenkten. Dieser Gedanke beruhigte mein Gefühl der Schuld zumindest ein wenig und ich fühlte mich etwas leichter.
Majestätisch stand mein Zauberbaum vor mir. Ein Monument der Stille. Eine farbige Korona aus Licht und feuchter Luft umrahmte seine Krone und ich setzte mich wie gewohnt an den Fuß seines Stammes, um mich auf ihn einzustimmen.
Da für lange Zeit nichts geschah, entschloss ich mich, unser Gespräch zu beginnen:
“Ich weiß, dass du mich hörst und möchte dir sagen, dass ich mich dir gegenüber ein wenig schuldig fühle. Du hast mir so viel gegeben, aber es gab bisher nichts, das ich dir hätte geben können.”
“Du fühlst dich schuldig?”, sagte er. “Und du meinst, du müsstest dich mir gegenüber erkenntlich zeigen.”
“Ja”, antwortete ich und war froh, dass er auf mein Thema einging.
“Hast du schon eine Idee, was du mir geben könntest?”, fragte er.
“Vielleicht sollte ich mich für den Schutz des Waldes einsetzen?”
“Selbstverständlich kannst du das tun.”, sagte er. “Damit wäre dein Schuldgefühl wahrscheinlich besänftigt. Allerdings ist dein Schuldgefühl eher die Reaktion auf eine Pflicht, die du erfüllen zu müssen glaubst.”
“Das stimmt schon.”, sagte ich. “Aber wir müssen doch immer für das bezahlen, was wir bekommen.”
“Mir scheint, auch du bist ein Händler, wie fast alle deine Menschen.”
“Wie meinst du das?”, fragte ich erstaunt.
“Du wirst auf die eine oder andere Weise in jedem Fall bezahlen. Entweder du tust es freiwillig oder die Quelle zwingt dich irgendwann dazu.”
“Also ist mein Schuldgefühl doch gerechtfertigt?
“Schuld entsteht nicht in erster Linie durch ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen, sondern dadurch, dass du das Nehmen als Gegenpol zum Geben erfunden hast.”
“Du meinst, das Nehmen ist nicht das Gegenteil des Gebens?”
“Für Wesen, die in enger Verbindung mit der Quelle leben, existiert Nehmen nicht. Es ist lediglich eine Begleiterscheinung des Gebens. Geben entspricht im engeren Sinne einem Weitergeben oder einem Fließenlassen. Diese Wesen wissen, dass sich alle Dinge und Kräfte in einem fließenden Kreislauf befinden und aller Austausch nur auf dem Geben basiert. Das Nehmen ist eine zwingende Folge und entspricht dem Annehmen oder Empfangen.”
“Willst du damit sagen, dass diese Wesen eigentlich nicht ans Nehmen denken?”, fragte ich.
“Wesen, die in enger Verbindung zur Quelle leben, sind in der Liebe. Liebe gibt und empfängt, aber sie rechnet nicht auf. Sie setzt Geben und Nehmen nicht ins Verhältnis zueinander. Wenn du dich schuldig fühlst, ist das ein Hinweis darauf, dass du aufrechnest und dem Nehmen viel Aufmerksamkeit gibst und es für wichtig hältst. Wirkliche Schuld hast du aber nur dadurch, dass du dir des Kreislaufs der Dinge und Kräfte nicht bewusst bist. Deine Schuld liegt in deiner Unbewusstheit, durch die du dich und andere schuldig sprichst.”
“Heißt das, ich sollte nicht auf Ausgleich, sondern nur auf das reine Geben bedacht sein?”
“Genau das heißt es.”, antwortete mein Zauberbaum. “Es spielt auch keine Rolle, wem du gibst. Wenn du von mir etwas empfängst, bedeutet das nicht, dass du nur mir geben musst. Entscheidend für den natürlichen Kreislauf der Dinge und Kräfte ist deine innere Haltung des Gebens, das nicht aufrechnet.”
“Ich verstehe!”, sagte ich. “Ich könnte also jedem anderen Wesen etwas geben. Die Hauptsache ist, dass ich den Kreislauf aufrecht erhalte.”
“So ist es.”, bestätigte der Zauberbaum.
“Viele deiner Menschen stellen das Nehmen in den Vordergrund, weil sie die Verbindung zur Quelle verloren haben und Angst davor haben, zu kurz zu kommen. Sie haben die Vorstellung, dass sie abgetrennte Wesen seien. Sie verwenden viel Zeit und Kraft für das Sammeln und halten das Gesammelte fest. Erst dadurch werden sie schließlich zu abgetrennten Wesen. Ihre Vorstellung der Abgetrenntheit ist Realität geworden. Sie halten damit den Kreislauf an und Stillstand ist Tod. Wesen, die nur nehmen, sind innerlich schon tot.”
“Vorhin sagtest du, dass mich die Quelle zwingen würde, wenn ich mich nicht an den Kreislauf der Dinge und Kräfte halte. Wie kann mich die Quelle dazu zwingen?”
“Da du von der Quelle nicht verschieden bist, würdest du dich tatsächlich selbst zwingen. Der Zwang ist eine Folge aus Ursache und Wirkung. Dadurch, dass du dich aus dem natürlichen Kreislauf ausklammerst, schaffst du ein eigenes, geschlossenes System. Die Körper deiner Menschen bilden in sich geschlossene Systeme, die ihr Krebs nennt. Diese Erscheinung ist eine materielle Entsprechung zu dem, was auf geistiger Ebene geschieht. Krebs ist rücksichtslos selbstbezogen und hat nur sein eigenes Wachstum im Blick. Letztendlich geht der Krebs durch seine Selbstbezogenheit zusammen mit den gesunden Anteilen des Körpers unter.”
“Du meinst, Krebs sei im Grunde eine geistige Krankheit?”
“Alle Krankheiten sind geistigen Ursprungs und spiegeln sich auf materieller Ebene. Nur ein kleiner Teil aller Wesen ist Materie. In der Hauptsache sind die Wesen dieser Welt geistige Wesen. Der materielle Körper ist lediglich die Leinwand, auf der sich geistige Prozesse abbilden.”
“Aber wenn ich nicht gebe, heißt das doch nicht zwangsläufig, dass ich davon Krebs bekomme!”
“Nein, dein Körper wird dadurch nicht zwangsläufig die Form Krebs ausbilden. Krebs ist die Form, die sich am stärksten abgekapselt hat. Sie ist eine extreme Form. Alle geistigen Prozesse, die sich vom natürlichen Kreislauf abkapseln, verursachen Leid in den verschiedensten Formen. Erst wenn das Verfehlen der natürlichen Prozesse auf geistiger Ebene nicht korrigiert wurde, erreicht es die materielle Ebene und zeigt sich als Symptom im Körper.”
“Die Quelle zwingt mich also, indem sie mir Leid als Zeichen für mein Verfehlen schickt?”
“Sie gibt dir Zeichen. Das ist richtig. Deine Menschen sind sehr daran gewöhnt, dass sie unablässig Zeichen bekommen. Aber sie wissen selten, dass es liebevolle Hinweise der Quelle sind. Sie sind daran gewöhnt, anderen eine Schuld für ihre eigene leidvolle Stuation zu geben. Sie erfinden etwas, das sie ihre ‘Lebenssituation’ nennen und empfinden es als Schicksal, das sie nicht ändern könnten.”
“Ich danke dir!”, sagte ich zu meinem Zauberbaum. “Ich werde gleich heute damit beginnen, von mir etwas zu geben!”
“Das ist schön!”, sagte der Zauberbaum. “Vergiss nicht, dass es von Herzen kommen muss und kein Tauschhandel sein sollte. Dass es von Herzen kommt, erkennst du daran, dass es dir Freude macht!”
[...] Der Zauberbaum (3) [...]
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